Bild und Bilderverbot in der jüdischen Kunst des Mittelalters
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Download des Buches "Abodah Sarah, oder der Götzendienst - Ein Traktat aus dem Talmud"  Relevant für unser Thema ist die "Abhandlung von dem Götzendienste - Dritter Abschnitt - Alle Bilder" ab Seite 289. Dem Buch fehlt die übliche Einteilung nach Blättern (Fol) - Die Diskussion  über die Figur des Drachens (Fol 43a) findet sich ab Seite 303/304. 

Quellentexte  Babylonischer Talmud

Awoda Sara 43a מסכת עבודה זרה פרק ג, דף מג,א גמרא: 

תנו רבנן איזהו צורת דרקון

Rosch Haschana 24b דף כד,א משנה  דמות צורות לבנה

Ein heutiger Umgang mit Traktat Rosch Haschana 24b



Talmud

Im Jerusalemer Talmud (viertes/fünftes Jahrhundert) und im Babylonischen Talmud (sechstes Jahrhundert) wurden die Gesetzesvorgaben der Mischna weitläufig diskutiert. Die talmudischen Diskussionen nehmen im Vergleich zur Mischna einen grossen Umfang an, denn es werden die einzelnen Details erörtert, verschiedene rabbinische Meinungen dazu präsentiert, und es wird erklärt, welche religionsgesetzliche Entscheidung getroffen wurde. Zudem sind manche Stellen mit illustrierenden Anekdoten versehen. So heisst es beispielsweise:

„Welches ist die Figur eines Drachen? R. Šimón b. Eleázar erklärte: Wenn er Flossen an den Gelenken hat. R. Asi zeigte: an den Halsgelenken. R. Hama b. Hanina sagte: Die Halakha [Religionsgesetz] ist wie R. Šimón b. Eleázar.

Rabba b. Bar Hana erzählte im Namen des R. Jehošá b. Levi: Einst folgte ich R. Eleázar ha-Qappar Berabbi auf dem Wege und er fand einen Siegelring, auf dem die Figur eines Drachen sich befand....“[1]

Nicht nur die bildliche Darstellung wurde diskutiert, es wurde auch akribisch präzi­siert, „welches Verhalten nun genau den Tatbestand des Götzendienstes erfülle“[2].

Die Gefahr des Götzendienstes kam nicht nur von den umgebenden Völkern her. Sie lauerte auch innerhalb des biblischen Textes. So bestand die Gefahr, dass Ezechiels Vision des göttlichen Thronwagens[3] als eine wörtliche Schilderung vom Bild Gottes missverstanden werden konnte. Folglich wurde die Darstellung der Gesichter der vier Gestalten von Ezechiels Vision (Mensch, Löwe, Stier und Adler) verboten, und sie durften nicht gemeinsam abgebildet werden.[4] Auch die Einzeldarstellung eines Menschengesichts war untersagt. Diese Gestalten, die in der christlichen Kunst Attribute der Evangelisten waren, wurden dennoch vereinzelt in hebräischen Manuskripten wiedergegeben, so in einer aschkenasischen Bibel aus Süddeutschland (1236-38), wo auch Sonne und Mond mit menschlichen Gesichtern gezeigt werden (Abbildung). Die Bilderverbote von Mischna und Talmud wurden hier beinahe gänzlich ignoriert: Lediglich die menschliche Gestalt von Ezechiels Vision wurde durch einen Hahn ersetzt.[5]

© Ingrid Kaufmann


[1] Goldschmidt, L. (Hg.) (1996). Der Babylonische Talmud. Nach der ersten zensurfreien Ausgabe. Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Band 9, Aboda Zara III,iii, Fol.43a, S. 567-568.

[2] Heimann-Jelinek, F., Zum so genannten Bilderverbot, in: Graetz, Michael, Ein Leben für die jüdische Kunst, Gedenkband für Hannelore Künzel, Heidelberg 2003, S. 25.

[3] Ezechiel 1,4.

[4] Goldschmidt (1996). Der Babylonische Talmud, Band 3, Roš Hašana II,viii, Fol. 24b, S. 593.

[5] B 32 inf., Fol. 135v; Biblioteca Ambrosiana, Milano.