Bild und Bilderverbot in der jüdischen Kunst des Mittelalters

Sephardische Handschriften

Die sephardischen Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts bestehen aus illuminierten Bibeln, Haggadot, Kodizes, Gebetbüchern und Sammelbänden. Während die von der christlichen Buchmalerei beeinflussten Haggadot reich an figürlichen und narrativen Darstellungen sind, beschränken sich die Illuminationen in den Bibeln hauptsächlich auf dekorative Elemente wie geometrische und mikrographische Motive oder Darstellungen der Kultgeräte der Stiftshütte auf den Teppichseiten.[1] Obwohl auch diese Bibeln innerhalb des christlichen Herrschaftsbereichs produziert wurden, stammt ihre visuelle Sprache aus dem islamischen Kulturraum. So ist auch die früheste sephardische Bibel, die 1232 in Toledo entstand, völlig im islamischen Stil gehalten, obwohl die Stadt schon seit rund 150 Jahren unter christlicher Herrschaft stand.[2]

Die anti-figurative Buchmalerei der Bibelhandschriften könnte als eine strikte Umsetzung des Zweiten Gebots verstanden werden, die Kurt und Ursula Schubert mit der Funktion der illuminierten Bibel für den öffentlichen Gebrauch erklärt hatten[3]. Die Gründe für das gleichzeitige Nebeneinander zweier höchst unterschiedlicher Bildsprachen liegen hingegen gemäss Kogmann-Appel in einem Kulturkampf, der sich innerhalb des spanischen Judentums rund um die Schriften von Maimonides entfesselt hatte. Die Juden der gehobeneren Gesellschaftsschichten, die sich immer noch mit der jüdisch-islamischen Kultursymbiose identifizierten und die rationalistische Weltauffassung des Maimonides vertraten, zogen die im islamischen Stil gehaltenen, nicht figurativen Illuminationen vor. Die illuminierten Haggadot hingegen widerspiegeln die Welt der zugewanderten Aschkenasim und all jener, die sich gegen die rationalistische Weltsicht sträubten.[4] Die Cervera-Bibel[5], die um das Jahr 1300 entstanden ist und die eine narrative und figürliche Buchmalerei enthält, hebt sich durch die Dominanz gotischer Elemente von den übrigen sephardischen Bibelhandschriften ihrer Zeit ab. Der Illuminator bezeichnet sich in seinem zoo- und anthropomorph gestalteten Kolophon als „Joseph ha’Zarfati“, Joseph der Franzose, und verweist damit möglicherweise programmatisch auf seine aschkenasische Herkunft.[6] Mit seinen Textillustrationen brach Joseph mit der sephardischen Tradition der Bibelillumination, mehr noch, er stellte Menschen in voller Gestalt dar, so in der Darstellung von Jonas mit dem Walfisch (Abb. 4).

Abb. 4 Cervera Bibel, Fol. 304r

© Ingrid Kaufmann


[2] Kogman-Appel, K. (2004). Jewish book art between Islam and Christianity: The decoration of Hebrew Bibles in medieval Spain . Leiden: Brill. , S.10.

[3] Schubert, U., & Schubert, K. (1983). Jüdische Buchkunst. Graz, Austria: Akademische Druck- und Verlagsanstalt. , S. 74, S. 76-77.

[4] Kogman-Appel (2004), S. 173-199.

[5] Lissabon, Biblioteca Nacional, Ms.72.

[6] Kogman-Appel, K. (2002). Hebrew manuscript painting in late medieval Spain : signs of culture in transition. Art Bulletin, 84 (2), 266.