Bild und Bilderverbot in der jüdischen Kunst des Mittelalters

Responsa

Im 12. und 13. Jahrhundert entspann sich eine heftige rabbinische Diskussion darüber, inwieweit und wo figürliche Darstellungen zuzulassen seien. Diese Diskussion kam gegen Ende des 13. Jahrhunderts zum Erliegen, nicht zuletzt deswegen, weil die Kunst sich verselbstständigt und neue Realitäten geschaffen hatte.[1]

Die umfangreiche Responsenliteratur zeigt, dass die rabbinischen Autoritäten in der Bilderfrage oft gegensätzliche Auffassungen vertraten. So erlaubte Rabbi Ephraim von Regensburg (1110-1175) in seinem Responsum die Darstellung von Tieren auf Textilien in der Synagoge von Köln, mit dem Argument, dass diese Bilder keinen Ausgangspunkt für Götzendienst darstellen.[2] Rabbi Jehuda ha-Chassid (1140/50-1217) hingegen wehrte sich in seinem Sefer Chassidim gegen Tierdarstellungen in der Synagoge, nicht zuletzt deswegen, weil Nichtjuden sagen könnten: „Sie glauben an Bilder!“[3] Rabbi Jehuda ha-Chassid war eine zentrale Führungsgestalt der jüdischen Frömmigkeitsbewegung Chasside Aschkenas, die teilweise asketische Züge trug. Dennoch versuchte er seine Vorbehalte gegen Bilder nicht religionsgesetzlich zu unter­mauern, sondern nannte praktische Gründe. Selbst wenn er schreibt, dass man den Bibelschreibern zur Bedingung machen soll, keine Vögel, Tiere oder Ähnliches an­zubringen, begründet er dies lediglich mit der besseren Übersicht und Lesbarkeit.[4]

Auch der angesehene Gesetzeslehrer Rabbi Meir ben Baruch von Rothenburg (1215?-1293) begründete seine Ablehnung von Buchmalerei in Gebetbüchern nicht mit dem Zweiten Gebot, sondern wies bloss darauf hin, dass die Bilder ablenken.[5] Diese rabbinischen Texte, die oft auf konkrete Beispiele reagieren, zeigen, dass figürliche Darstellungen in Synagogen oder in der Buchmalerei durchaus verbreitet waren. Dies war nichts Neues, denn bereits im Talmudkommentar zum Traktat Shabbat 149a von Raschi (Rabbi Salomon ben Isaak, 1040-1105) waren Wandmalereien mit Darstellungen von Tieren und Szenen mit Menschen erwähnt worden.[6]



[1] Heimann-Jelinek, F., Zum so genannten Bilderverbot, in: Graetz, Michael, Ein Leben für die jüdische Kunst, Gedenkband für Hannelore Künzel, Heidelberg 2003, S. 29.

[2] Mann (2000), S. 39 – 42.

[3] Wistinetzki, J., & Ha'Chassid, J. (1891). Sepher Chassidim, Das Buch der Frommen nach der Rezension in Cod. de Rossi No. 1133. Sefarim, Berlin: Selbstverlag des Vereins M'kize Nirdamim (Dr. A. Berliner), § 1625, S. 396.

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[4]Ebd., § 709, S.184.

[5] Mann (2000), S. 109 – 111.

[6] Schubert, U., & Schubert, K. (1983). Jüdische Buchkunst. Graz, Austria: Akademische Druck- und Verlagsanstalt, S. 74, S. 70; Quellentext: Tractate Shabbos (The Schottenstein ed.). (1996-1997). Talmud Bavli, 4. Brooklyn , N.Y. : Mesorah Publications, 149a3.