Bild und Bilderverbot in der jüdischen Kunst des Mittelalters

Ist die Bilderverehrung der Christen Götzendienst?

Der jüdische Umgang mit christlichen Symbolen ist abhängig von den politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen, unter welchen die Juden lebten, und die in diesem Zusammenhang getroffenen rabbinischen Entscheidungen können selbst innerhalb derselben Epoche stark voneinander abweichen. Die Lebensbedingungen der Juden Spaniens (Sepharad), die bis gegen Ende des 14. Jahrhunderts in relativer Sicherheit lebten, unterschieden sich stark von denjenigen der Juden Deutschlands und Nordfrankreichs (Aschkenas), welche die Erfahrung grausamer Verfolgungen gemacht hatten. So ist es nicht verwunderlich, dass ein Sepharde wie Benjamin von Tudela (zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts) in seinen Reiseschilderungen mit einem ästhetischen Interesse kirchliche Bauwerke beschreiben konnte, die von aschkenasischen Juden als Stätten des Götzendienstes verabscheut wurden.[1]

Von jüdischer Seite her wurden Christen nicht selten als Götzendiener gesehen, doch in einem Klima der Angst und der Verfolgung wurde dies nicht immer direkt ausgedrückt, sondern mit Vergleichen und ‚selbstredenden’ biblischen Zitaten gearbeitet. So waren in der Gleichsetzung von Edom und Rom nicht nur das heidnische Rom, sondern auch das Christentum mitgemeint.[2]

Ein Beispiel für eine direkte Idolatriebezichtigung ist in einer der Responsen des Rabbi Meir ben Baruch von Rothenburg (1215?-1293) zu finden. Angefragt, ob Juden priesterliche Textilien verwenden dürfen, bezeichnete er die Kirche als „Haus des Götzendienstes“[3]. Demgegenüber hatte aber Rabbenu Tam (= Rabbi Jacob ben Meir Tam) (1100?-1171) erklärt, dass Christen keine Götzendiener im eigentlichen Sinne seien und dass Christen ihre Bilder nicht zur Anbetung, sondern zur Erinnerung fertigten.[4]

Gegenstände, von denen man wusste, dass sie angebetet werden, wie Kreuze, das Bild der Jungfrau mit dem Kind oder Kreuzigungsdarstellungen waren zwar generell verboten, doch es wurden auch Gründe für Nachsichtigkeit gefunden. So wurde später Rabbenu Tams Erklärung, dass Christen keine Götzendiener seien, beigezogen, um das Verbot, kirchliche Güter zu verwahren, aufzuweichen.[5] Während Elieser von Metz (1115- ca.1198) den Besitz von kirchlichen Roben und Kelchen, „selbst wenn sie als Pfänder für Darlehen gegeben wurden“[6], generell verbietet, wirkt die Haltung seines Zeitgenossen Eliezer ben Joel haLevi (1140-1225) beinahe tolerant: „We are not strict about the cross which they hang from their necks in remembrance of their mistacen beliefs, i.e. one may derive [economic] benefit from them.“[7] Die Diskussion um die christlichen Ritualobjekte ist auch im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Lage der Juden zu sehen. So zeigt das Gesetzeswerk Sachsenspiegel, das im 13. und 14. Jahrhundert kodifiziert wurde, die Hinrichtung eines Juden, der nicht nachweisen konnte, wie solch rituelle Objekte in seinen Besitz gekommen waren (Abb. 3).

Abb. 3 Sachsenspiegel (Drittes Viertel 14. Jahrhundert), 3. Buch Landrecht, Fol. 43v

 

© Ingrid Kaufmann



[1] Bland, K. P. The Artless Jew. Medieval and modern affirmations and denials of the visual, New Jersey 2000, S. 129.

[2] Avishur, I. , Herr, M. D., & Ehrlich, C. S. (2007).  Edom . In M. Berenbaum & F. Skolnik (Eds.), Encyclopaedia Judaica, Vol. 6. (2nd ed., pp. 151-158)  Detroit : Macmillan Reference USA . Retrieved July 3, 2008, from Gale Virtual Reference Library, S. 158.

[3] Mann (2000), S. 143. (Responsa Maharam, II, 123, Pesakim uMinhagim, ed. I.Z. Kahan (Jerusalem: Mosad haRav Kook, 1960), nos. 123-5)

[4] Mann, V. B., Jewish Texts on the Visual Arts, Cambridge 1999, S. 57.

[5] Wie beispielsweise durch David ibn Abi Zimra (1479-1573) in Mann (2000), S. 57.

[6] Mann (2000), S. 13. und Elieser ben Samuel, & Halberstamm, Slomo Salmen Hajim. (1892). Sefer Jere'jm.ספר יראים  ,Wilna: Romm, Nr. 364, S. 393.

[7] Mann (2000)., S. 57.