Bild und Bilderverbot in der jüdischen Kunst des Mittelalters

Jüdisch-christliche Divergenzen

Juden und Christen des Mittelalters warfen sich gegenseitig vor, Götzendiener zu sein. Dadurch wurde einerseits die eigene kollektive Identität gestärkt und andererseits die unüberwindbare Grenze zwischen den beiden Bekenntnissen gefestigt. Zwar wurzeln die gegenseitigen Vorwürfe in der Zeit der Kirchenväter, doch sie widerspiegeln auch die sich spätestens seit dem ersten Kreuzzug von 1095 wandelnde gesellschaftliche Stellung der Juden. Das Verfolgungen und Zwangstaufen ausgesetzte Judentum geriet unter die Schutzherrschaft weltlicher und kirchlicher Obrigkeiten, welche zunehmend das jüdisch-christliche Verhältnis kontrollierten und reglementierten. Da trotz des sich verschärfenden Klimas ein kultureller Austausch stattfand, gewannen die gegenseitigen Idolatriebezichtigungen eine erhöhte Aktualität.

Während der Vorwurf des Götzendienstes stets integraler Bestandteil jüdischer Abgrenzung gegen andere Völker gewesen war und aus dieser Tradition heraus die Trinitätslehre und Bilderverehrung der Christen diesen gezielt vorgeworfen wurde, wirkt der christliche Vorwurf an die Juden etwas diffus und widersprüchlich: Einerseits bildete er nur einen geringen Teil einer ganzen Reihe weitaus schwerwiegenderer Vorhaltungen, andererseits wurden nicht nur Andersgläubige mit diesem Vorwurf konfrontiert, sondern auch Christen.

 

 

 

 

© Ingrid Kaufmann