Bild und Bilderverbot in der jüdischen Kunst des Mittelalters

Die uneinsichtigen Anderen

Die westeuropäischen Christen des 13. Jahrhunderts versuchten sich in Abgrenzung gegen das Andere zu definieren: gegen das in der Vergangenheit liegende Andere und gegen Heiden, Muslime und Juden. Eine wichtige Waffe im Kampf gegen das Andere war der Vorwurf des Götzendienstes. Mit der Unterscheidung zwischen erlaubten und verbotenen Bildern wurden auch Abtrünnige in den eigenen Reihen diszipliniert. Camille spricht in diesem Zusammenhang von einer „Ideologie“ und einer „Propaganda der Angst und Voreingenommenheit“.[1]

Götzendienst galt schon den frühen Christen als Laster[2], doch im Mittelalter nahm die Auseinandersetzung mit diesem Thema neue Dimensionen an. Verschiedenen Men­schen und Gruppen gegenüber wurde der Vorwurf erhoben, Götzendiener zu sein. Der Idolatrievorwurf diente nicht nur der religiösen Ausgrenzung, sondern auch der Beseitigung politischer Gegner. So hatte beispielsweise die Anklage gegen die Templer im Jahre 1308 in Wirklichkeit politische Ursachen.[3]

Die Juden waren die am nächsten liegenden Anderen, denn das Christentum, das sich seit der Zeit der Kirchenväter als das Verus Israel sah, benutzte die polarisierende Gegenüberstellung mit dem zeitgenössischen Judentum zur Festigung der religiösen Identität und zur Untermauerung des eigenen heilsgeschichtlichen Konzeptes. Das Verhältnis zu den Juden war zwiespältig: Einerseits waren sie als „Träger des Buches“ ein lebendiger Beweis für die Wahrheit des Christentums[4], und andererseits galten sie in ihrer Blindheit für den wahren Glauben als besonders anfällig für den Götzendienst.

  Schon die Kirchenväter hatten den Juden vorgeworfen, sich dem Geistigen zu verweigern und ganz dem Materiellen anzuhaften. Dies drückte sich auch in der Beschneidung aus, denn für die Christen war die fleischliche Beschneidung längst durch eine geistige Gottesbeziehung abgelöst worden, und der Ausruf von Jeremia „Beschneidet euch für den HERRN und entfernt die Vorhaut eures Herzens!“[5] galt als Beweis dafür, dass die Beschneidung nicht wörtlich, sondern symbolisch aufzufassen war. Mehr noch, die Beschneidung galt gleichsam als Schandzeichen der Gottesmörder.[6]

Augustinus hatte die Juden direkt des Götzendienstes bezichtigt:

„Und wenn sie nicht wider ihn gesündigt hätten, indem sie, von gottloser Neugier wie von Zauberkünsten verführt, zu fremden Göttern und zu Götzen abfielen und schliesslich Christus töteten, so wären sie in ihrem, wenn auch nicht so grossen, doch glücklicheren Reiche verblieben.“[7]

Die Anbetung des Goldenen Kalbes wurde als Sinnbild dafür gesehen, dass sich die Juden der christlichen Lehre verweigerten. In diesem Sinne galten zeitgenössische Juden durchaus als Nachkommen ihrer israelitischen Vorfahren. In zahlreichen Darstellungen der Anbetung des Goldenen Kalbes werden die idolatrischen Israeliten als zeitgenössische Juden gezeigt, sei es mit Attributen wie dem Judenhut oder mit karikierten Gesichtszügen, wie dies auch in der französischen Bible Historiale von 1372 zum Ausdruck kommt (Abb. 2). Abb. 2 Bible Historiale Fol. 68r

  Die Vorstellung von den ganz in der Sinneswelt verhafteten Juden findet in Abailards 1141 verfassten Dialogus inter philosophum, Iudaeum et Christianum seinen Ausdruck: Unter Berufung auf 1. Kor. 1,22 heisst es, dass sich die Juden „nur von Wundern äusserer Zeichen zum Glauben bewegen lassen“ [8]. Die zeitgenössischen Juden wurden als die Götzendiener, die sie schon im Alten Testament gewesen waren, betrachtet, hingen sie doch überholten rituellen Praktiken an und weigerten sich, die heilbringende Lehre anzunehmen.[9] Doch Juden galten nicht nur als blind für den wahren Glauben, sondern wurden auch als Gottesmörder betrachtet. In der Folge wurden sie nicht mit der Zerstörung von Götzenbildern in Verbindung gebracht, sondern mit dem Schänden christlicher Anbetungsobjekte.[10]

Dennoch nahmen Christen auch zur Kenntnis, dass die Juden das Zweite Gebot gewissenhaft umsetzten. Dies fand beispielsweise in Gilbert Crispins Dialog zwischen einem Juden und einem Christen[11] von 1093 seinen Niederschlag, in welchem der Jude die christliche Bilderverehrung anprangert. Laut Camille stossen in Crispins Dialog zwei unterschiedliche Bild-Kulturen aufeinander; während für den Christen Darstellungen wie die Passion Christi als ‚Zeichen’ funktionieren, sind sie für den Juden bloss Götzenbilder. [12] Doch Crispin zeigt nur beschränkt Kenntnis des rabbinischen Denkens, wenn er seinen Juden die Kreuzigungsszene in völligem Unverständnis der christlichen Zeichenhaftigkeit ins Lächerliche ziehen lässt:

„Und um das Kreuz herum bildet ihr die Sonne in dem Brustbild eines Jungen ab, die, ich weiss nicht wovor, erschrocken ist; und bildet den Mond in dem Brustbild eines Mädchens ab, das trauert und die halbe Sichel des Mondes verbirgt.“[13]

Da die Darstellung von Sonne und Mond für die Juden schon seit der Zeit der Mischna ein Inbegriff für den Götzendienst war, wäre der Jude, wenn es sich um eine reale Gestalt gehandelt hätte, wohl kaum zu Spässen aufgelegt gewesen. Doch Crispin wollte in seinem Dialog kein realistisches Bild jüdischer Gelehrsamkeit vermitteln, sondern das dem Juden fehlende Verständnis für christliche Symbole aufzeigen.


© Ingrid Kaufmann


[1] Camille, M. (1989). The Gothic idol: Ideology and image-making in medieval art. Cambridge etc.: Cambridge University Press, S. XXIX (Übersetzung: Ingrid Kaufmann).

[2] Galater 5,19-21

[3] Camille (1989), S. 272.

[4] Augustinus, A., & Schröder, A. (1911). Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat. De civitate dei. Buch 1 - 8. Bibliothek der Kirchenväter, 1. Kempten: Kösel, 4. Buch 34.

[5] Zürcher Bibel (2007), Jeremia 4,4, S. 1030.

[6] So beispielsweise bei Justin dem Märtyrer: „Denn die von Abraham eingeführte fleischliche Beschneidung wurde als Erkennungszeichen gegeben, damit ihr von den anderen Völkern und uns abgesondert seid, damit ihr allein erleidet, was ihr jetzt mit Recht erduldet, damit ‚euer Land verwüstet werde, die Städte vom Feuer niedergebrannt werden, Fremde vor euch die Früchte verzehren’ und keiner von euch Jerusalem betrete.“ Iustinus, & Haeuser, P. (1917). Des heiligen Philosophen und Martyrer Justinus Dialog mit dem Juden Tryphon. Bibliothek der Kirchenväter, 33. Kempten: Kösel , S. 17.

[7] Augustinus (1911), 18. Buch 46.

[8] Petrus Abaelardus, & Krautz, H.-W. (1995). Gespräch eines Philosophen, eines Juden und eines Christen: Lateinisch und deutsch. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 109.

[9] Camille (1989), S. 174.

[10] Ebd., S. 185-187.

[11] Crispin,G., & Wilhelm, K. W. (2005). Disputatio iudaei et christiani: Lateinisch-deutsch. Freiburg i. Br.: Herder.

[12] Camille (1989), S.176.

[13] Crispin (2005), S. 113.