Bild und Bilderverbot in der jüdischen Kunst des Mittelalters

Das "jüdische" Bilderverbot als Konstrukt

Ausgehend vom biblischen Bilderverbot und inspiriert von Hegels Vorstellung, dass ein „Volksgeist“[1] das Geschick der einzelnen Völker bestimme, wurde im 19. Jahrhundert die Behauptung von der ‚Kunstlosigkeit’ des jüdischen Volkes aufgestellt. Da jüdische Kunstproduktion stets in einseitiger Abhängigkeit von der Kultur der jeweiligen Residenzgesellschaft stand, liess sich in ihr auch kein „Volksgeist“ aufspüren. Das Judentum hatte keinen Sinn für die bildende Kunst entwickelt; darin waren sich Antisemiten, Vertreter der jüdischen Orthodoxie, aber auch der aufgeklärten Wissenschaft des Judentums einig.[2] Trotz ihrer antisemitischen Tendenzen wurde auch im frühen 20. Jahrhundert die These von der Bildlosigkeit des jüdischen Volkes von jüdischen Autoren wie Martin Buber [3] aufgegriffen, denn in dieser von nationalistischen Ideen getränkten Epoche und mit dem beginnenden Zionismus herrschte ein Erklärungsbedarf für die fehlende Autonomie der jüdischen Kunst. Mit Berufung auf jüdische Autoren der Antike wie Flavius Josephus und Philo von Alexandria wurde die Vorstellung von der „Kunstlosigkeit“ des jüdischen Volkes weiter zementiert. Doch spätestens seit der Entdeckung der spätantiken Synagoge von Dura Europos mit ihren Wandmalereien im Jahre 1932 hat sich diese Meinung gewandelt, und in einem Aufsatz von 1961 hat Joseph Gutmann schlüssig bewiesen, dass mit dem Rückgriff auf Autoren wie Josephus oder Philo, losgelöst von ihrer damaligen Lebenswelt und Philosophie, kein repräsentatives Bild der jüdischen Kunstauffassung entworfen werden kann.[4]

Es gab sie also, die jüdische Kunst, doch wie liess sie sich definieren? Wie lässt sich von jüdischer Kunst sprechen, wenn nicht einmal die jüdische Autorenschaft gewiss ist? Im Titel eines Artikels von Ursula Schubert „Was ist jüdisch an der jüdischen Bildkunst?“ drückt sich ein gewisser Erklärungsnotstand aus. Im Versuch, die Eigenheiten jüdischer Kunst von denen der christlichen Residenzgesellschaft abzugrenzen, bemühen Schubert und weitere Wissenschaftler weiterhin das „jüdische“ Bilderverbot.[5] Das Bilderverbot wird so gleichsam zur Grundlage der ikonographischen Eigentümlichkeit der jüdischen Kunst gemacht. So schreibt Katrin Kogman-Appel: „Was die Theophaniedarstellung betrifft, so können wir festhalten, dass die jüdischen Bilder niemals eine anthropomorphe Gottesdarstellung aufweisen, sondern andere Mittel wählen, die göttliche Erscheinung auszudrücken.“[6]

Anthropomorphe Gottesdarstellungen gelten als Beweis dafür, dass christliche Illuminatoren am Werk gewesen sein müssen. Es stellt sich die Frage, ob die Art der Gottesdarstellung ein ausreichendes Kriterium ist, um einem Bild die Zugehörigkeit zur jüdischen Kunst abzusprechen. Ist es denkbar, dass einzelne jüdische Auftraggeber anthropomorphe Darstellungen gewünscht haben? Inwieweit könnten die mit Nimbus versehenen Gottes- oder Engelsbilder Ausdruck einer innerjüdischen Auseinandersetzung über die Einhaltung des Zweiten Gebotes und den damit verbundenen voneinander abweichenden Bildauffassungen sein?

© Ingrid Kaufmann












[1] Hegel, G. (1979). Grundlinien der Philosophie des Rechts, oder, Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse: Mit Hegels eigenhändigen Notizen und den mündlichen Zusätzen, S. 440.

[2] Gutmann, J. (1993). Is There a Jewish Art? In Moore, C. (Ed.). (1993). The Visual Dimension: Aspects of Jewish Art. Boulder , San Francisco , Oxford : Westview Press. S. 2-3.

[3] Buber vertrat in die Ansicht, dass Juden mehr „Ohrenmenschen“ als „Augenmenschen“ seien. Buber, M. (1903). Jüdische Künstler. Berlin: Jüdischer Verlag, S.7.

[4] Gutmann. J. (1961). The ‘Second Commandment’ and the Image in Judaism. Hebrew union college annual, 32, 161–174.

[5] Schubert, U. (1985). Was ist jüdisch an der jüdischen Bildkunst? In Institut für Judaistik & Österreichisches Jüdisches Museum (Eds.), Kairos. Zeitschrift für Judaistik und Religionswissenschaft, S.269.

[6] Kogman-Appel, K. (1996). Der Exoduszyklus der Sarajewo-Haggada: Bemerkungen zur Arbeitsweise spätmittelalterlicher jüdischer Illuminatoren und ihrem Umgang mit Vorlagen. Gesta, 35 (2), S.111.