Bild und Bilderverbot in der jüdischen Kunst des Mittelalters

Worum geht es im biblischen Bilderverbot?

Im Bilderverbot der Zehn Gebote (Ex 20,4-5 und Dtn 5,8-9) drückt sich ein zentrales Anliegen des Monotheismus aus:

 „Du sollst dir kein Gottesbild machen noch irgendein Abbild von etwas, was oben im Himmel, was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist. Du sollst dich nicht niederwerfen vor ihnen und ihnen nicht dienen, denn ich der HERR bin dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Vorfahren heimsucht an den Nachkommen bis in die dritte und vierte Generation, bei denen, die mich hassen.“[1]

In dieser deutschen Übersetzung ist von zwei Bildern die Rede: vom Gottesbild und vom Abbild. Im hebräischen Original sind die Begriffe scharf getrennt. Das Wort פסל, (Pessel), das hier mit Gottesbild übersetzt wurde, kommt von behauen, zurechthauen.[2] Es ist also eine Plastik und kein Bild im allgemeinen Sinne gemeint. Zudem tritt hier das Bildhafte gegenüber dem Handwerklichen in den Hintergrund.[3] תמונה (Tmuna), hier übersetzt mit Abbild, ist hingegen Gestalt, Erscheinung[4] und zeigt das Bild in seiner geistigen Bedeutung, wie dies auch in der lateinischen Übersetzung der Vulgata im Wort similitudinem zum Ausdruck kommt. Das Pessel wird erst durch die Hinzufügung des Wortes Tmuna zum ‚Bild’. Dies geschieht insbesondere in der leicht abweichenden Deuteronomium-Fassung, wo die Konjunktion zwischen Pessel und Tmuna fehlt, wodurch Tmuna auch als innertextliche Erklärung von Pessel gelesen werden kann: „Du sollst dir kein Gottesbild machen, keinerlei Abbild von etwas...“[5] Das Bilderverbot der Zehn Gebote kann verschiedenartig interpretiert werden: Ausser Plastiken sind alle Bilder erlaubt; oder: Jegliche Art von Bildern, auch im geistigen Sinne, ist verboten. Aus dem Kontext gerissen, haftet diesem einen Satz etwas Paradoxes an, das aber mit dem darauffolgenden Satz geklärt werden kann: „Du sollst dich nicht niederwerfen vor ihnen...“. Dadurch, dass das Bilderverbot im Kontext mit dem Götzendienst gesehen wird, wird es eingegrenzt und muss demnach nicht auf sämtliche Bilder angewandt werden. Mittelalterliche Kommentatoren sahen keinen Widerspruch in den Aussagen von Exodus 20,4 und Deuteronomium 5,8. So legte der Exeget Raschi (Rabbi Salomon ben Isaak, 1040-1105) zwar Exodus 20,4 aus, verzichtete aber auf einen Kommentar zu Deuteronomium 5,8 mit der Erklärung: “Die Zehn Gebote habe ich bereits kommentiert“[6].

Das biblische Bilderverbot zielt in zwei Richtungen. Einerseits ist es gegen jeglichen Götzendienst gerichtet, und andererseits soll keinerlei Abbild von Gott gemacht werden, der rein geistiger Natur ist und sich deshalb nicht abbilden lässt. Dies kommt in Deuteronomium 4,15ff zum Ausdruck:

„So hütet euch um eures Lebens willen, ihr habt ja keine Gestalt gesehen, als der HERR am Choreb aus dem Feuer zu euch sprach: Frevelt nicht und macht euch kein Gottesbild, das etwas darstellt, kein Standbild, kein Abbild eines Mannes oder einer Frau, kein Abbild eines Tieres auf der Erde, kein Abbild eines Vogels, der am Himmel fliegt, kein Abbild eines Kriechtieres auf dem Erdboden, kein Abbild eines Fischs im Wasser unter der Erde.“[7]

Dass es in der hebräischen Bibel dennoch kein generelles Bilderverbot gibt, wird aus den Schilderungen der Ausgestaltung der Stiftshütte[8] und des Salomonischen Tempels[9] ersichtlich, in denen plastische Darstellungen von Löwen, Ochsen und Cherubim erwähnt werden.

© Ingrid Kaufmann

 

[1] Evangelisch-Reformierte Landeskirche des Kantons Zürich (Ed.). (2007). Zürcher Bibel: 2007. Zürich: Verlag der Zürcher Bibel, Ex 20,4-5, S. 102-103.

[2] Gesenius, W., & Buhl, F. (1962). Wilhelm Gesenius' hebräisches und aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament. Berlin: Springer, S.651.

[3] Assmann, J. (2006). Was ist so schlimm an den Bildern?: Monotheismus und Ikonoklasmus in der abendländischen Tradition. In G. Ahn (Ed.), Bildersturm (pp. 117-133). Heidelberg: Universitätsverlag Winter, S. 119.

[4] Gesenius (1962), S. 881.

[5] Zürcher Bibel (2007), Dtn 5,8, S. 242.

[6]Raschi, Salomo Ben Isak, & Berliner, A. (1905). Der Kommentar des Salomo ben Isak über den Pentateuch (2., ganz umgearb. Aufl.). Sepharim, N.S., 31. Frankfurt a. M: Kauffmann, S. 147 und S. 364 (Übersetzung: Ingrid Kaufmann).

[7] Zürcher Bibel, 2007, Dtn 4,15-18, S. 240.

[8] Ex 25,1-28,38 und 31,1ff.

[9] 1. Könige 7,15ff.