Bild und Bilderverbot in der jüdischen Kunst des Mittelalters

Aschkenasische Handschriften aus dem süddeutschen Raum

Die aschkenasischen Handschriften umfassen neben Bibeln, Bibelkommentaren, Codizes und Haggadot auch eine Reihe von Machzorim, die dem Jahreskreis folgenden Gebetbücher. Die Illuminationen waren weitgehend von der christlichen Kunst beeinflusst, von welcher auch narrative Motive übernommen wurden. Neben den bunten Textillustrationen kam die Technik der Mikrographie zur Anwendung, in welcher auch Tiere und menschliche Gestalten zur Darstellung kamen.

Die älteste illuminierte aschkenasische Handschrift entstand 1233 im Gebiet von Würzburg und ist eine Abschrift des Bibelkommentars von Raschi.[1] Ein reichhaltiger Bilderzyklus mit narrativen Szenen aus der Bibel begleitet den Text. Bei diesen Illustrationen fällt auf, dass die Gesichter der dargestellten Menschen nicht ausgestaltet, mit Zinkweiss übermalt oder später ausgekratzt wurden. Es ist eine Besonderheit der süddeutschen aschkenasischen Buchmalerei, dass die Darstellung des menschlichen Antlitzes oft vermieden wurde. Die Gesichter blieben bis auf wenige andeutende Striche unbemalt, waren mit Haaren überdeckt oder wurden durch Tierköpfe ersetzt. So wird beispielsweise in der Ambrosianischen Bibel aus dem späten 13. Jahrhundert kein einziges menschliches Gesicht in seinen natürlichen Zügen gezeigt.[2] In manchen Handschriften wurden die Menschengestalten mit Vogelköpfen versehen, wie beispielsweise im Worms-Machzor von 1272 oder in der um 1300 entstandenen Vogelkopf-Haggada. Menschengestalten mit Tierköpfen sind keine jüdische Erfindung: sie wurden auch in der christlichen Kunst, vornehmlich für die Darstellung der Evangelisten, angewandt.[3] So wurden auch im Stundenbuch eines Frauenklosters im Bistum Basel aus dem 13. Jahrhundert die Evangelisten mit Tierköpfen abgebildet (Abb. 5).Abb. 5 Brevarium Romanum dominicale et feriale, Cod. Sang. 402, S. 26

Da in den süddeutschen Handschriften auf die Wiedergabe des menschlichen Gesichtes auf so vielfältige Weise verzichtet wurde, ist anzunehmen, dass dafür ein besonderer Grund vorliegen musste. Es wurden die unterschiedlichsten Theorien entwickelt, warum beispielsweise Vogelköpfe abgebildet wurden. War die Verwendung der Vogelköpfe ein spätes Echo auf antike und christliche Vorlagen, hatten die Vögel, als Adler gedeutet, eine heilsgeschichtliche Bedeutung, oder muss von einer Verinnerlichung judenfeindlicher Darstellungen, welche die Juden karikierend mit Hakennasen zeigten, gesprochen werden?[4] Oder ist die Vermeidung des menschlichen Gesichts eine Umsetzung des Zweiten Gebotes, das als Verbot der plastischen Darstellung menschlicher Gestalten gedeutet wurde? Möglicherweise war die Ausweitung des Verbotes von der plastischen Darstellung auf gemalte Bilder aus der Befürchtung heraus entstanden, dass die Juden von den Christen als Götzendiener angegriffen werden könnten.[5]

Die Vermeidung der Wiedergabe menschlicher Gesichter wurde aber nicht konsequent durchgesetzt. Im dreiteiligen Machzor[6], der um 1320 entstanden ist, wurden beispielsweise nur die Köpfe der Frauen durch Vogelköpfe ersetzt (Abb. 6).

Abb. 6 Dreiteiliger Machzor (Vol II) , Add. Ms. 22413, Fol. 3r

Das Weglassen, Ersetzen oder Auskratzen des menschlichen Gesichts in diesen sonst so erzählfreudigen Darstellungen ist möglicherweise schon als eine Umsetzung des Bilderverbotes zu sehen. Doch gleichzeitig widerspiegelt der uneinheitliche Umgang mit dieser Restriktion auch die Uneinigkeit, die damals unter den jüdischen Rechtsgelehrten hinsichtlich der Bilderfrage herrschte.

© Ingrid Kaufmann


[1] Gutmann, J. (cop. 1978). Buchmalerei in hebräischen Handschriften, S.21; Cod. Hebr. 5, Bayrische Staatsbiblothek München.

[2] Schubert & Schubert (1983), S. 74; B 32 inf. und B 32 inf., Biblioteca Ambrosiana, Milano.

[3] Ameisenowa, Z. (1949). Animal-Headed Gods, Evangelists, Saints and Righteous Men. Journal of the Warburg and Courtauld Institutes, 12, S. 37-41.

[4] Die verschiedenen Theorien werden bei Bezalel Narkiss vorgestellt: Narkiss, B., & Cohen-Mushlin, A. (1985). The Illumination of the Worms Mahzor. In M. Beit-Arié (Ed.), The Worms Mahzor: Vol. Introductory vol. Ed. by Malachi Beit-Arié. - 1985 + Beil.Text dt. u. hebr. (pp. 79–89). Vaduz : Cyelar Publ. Co. [u.a.], S.87-88.

[5] Schubert & Schubert (1983), S. 71.

[6] British Museum , Add. Ms. 22413, Fol. 3r.